Protagonisten an den Rändern der Geschichte

Fotos von Florian Bachmeier, Haus am Dom, Domplatz 3, 60311 Frankfurt, 03. – 24.09.26, https://hausamdom-frankfurt.de/news/2026/august-2026/protagonisten-an-den-raendern-der-geschichte

Hart und radikal sind die Bilder, die der vielfach ausgezeichnete World-Press-Fotograf Florian Bachmeier bis 24. September im Haus am Dom in Frankfurt zeigt. Im Mittelpunkt stehen die Menschen – und das, was Krieg und soziale Ungleichheit mit ihrem Leben machen. Eröffnet wird die Ausstellung am Donnerstag, 3. September, um 18 Uhr.

Florian Bachmeier war lange vor dem Krieg fasziniert von der Ukraine. 2012 reiste der Fotograf erstmals in das Land, das aufgrund der Lage, der Geschichte und seines Schwebezustands zwischen den Imperien eine große Anziehungskraft auf ihn ausübt. Seitdem war er mehr als 30 Mal dort – und hat in hunderten und tausenden von Bildern den Krieg und die Menschen in ihm dokumentiert.

Bis 24. September zeigt er im Haus am Dom 49 seine intensiven Fotografien aus der Ukraine, aber auch aus vielen anderen Teilen der Welt. Die Ausstellung „Leben an den Rändern“ aus den Jahren 2014 bis 2026 führt zu Menschen in zehn Ländern von Afghanistan bis Venezuela, die am Rand leben: am Rand der physischen Existenz, eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit, bedroht von Gewalt. Florian Bachmeier zeigt, wie Profitgier, Klimawandel und Krieg die Lebensgrundlagen von Menschen zerstören. Er erzählt aber auch, wie Menschen trotz widriger Umstände ein würdiges Leben gestalten und solidarisch handeln.

Dazu gehören auch tiefe Einblicke in den Ukraine-Krieg. „Das Interesse der Medien daran hat abgenommen, deshalb ist es mir wichtig, weiter darüber zu berichten“, erklärt Bachmeier, der seit 14 Jahren für n-Ost, ein Nachrichtennetzwerk für Osteuropa, arbeitet. Es ist schwieriger geworden, in die Ukraine zu reisen. Flüge gibt es aktuell nicht, er fährt mit dem Zug und manchmal auch 40 Stunden mit dem Bus, um zu seinen Geschichten zu gelangen. Durch die Linse erzählt er von einem andauernden Krieg, der weitaus mehr zivile Opfer fordert als die von der UN geschätzten 15.578 Toten.

Zu diesen Opfern, die schon so lange unter dem Krieg leiden, gehören auch die beiden Schwestern, denen er auf seiner jüngsten Reise im März begegnete. Auf seinem Bild zu sehen ist eine 15-Jährige, die ihre Schwester mit Trisomie 21 auf dem Schoß hält. Beide mussten mit ihrer Familie bereits fünf Mal vor dem Krieg flüchten. Auch Viktoria aus Charkiw gehört dazu; sie traf er, als ihr Zuhause zerstört wurde. Bachmeier half ihr, ihre verbliebenen Dinge in Plastiktüten aus der Wohnung zu holen. „Um den Hals trug sie eine Kette mit einer kleinen Pfeife, in die sie pusten kann, um auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie verschüttet wird“, erinnert er sich.
Eine Ausstellung, die Raum schafft

Beide Bilder entstanden im März 2026 im ukrainischen Kriegsgebiet. Sowohl das Portrait der beiden oft geflüchteten Mädchen als auch das Bild von Viktoria und ihren Plastiktüten wurden kurzfristig in die Ausstellung im Haus am Dom aufgenommen. Eigentlich war sie schon fertig konzipiert, aber Bachmeier wollte nicht darauf verzichten, die jüngsten Begegnungen zu zeigen, zu wichtig sind sie ihm.

Das trifft auch auf ein Foto zu, das seine Karriere prägen sollte wie kein anderes: Das Bild eines Mädchens im rosa Kuschelpullover, das in seinem Zimmer auf dem Bett liegt und die Augen starr auf die Decke gerichtet hat. Für die Aufnahme mit dem Titel „Beyond the Trenches“ (Deutsch: „Jenseits der Schützengräben“) wurde er 2025 mit dem World Press Photo Award in der Kategorie Europe Singles ausgezeichnet. Eine große Ehre, sagt er, und natürlich eine enorme Auszeichnung für sein Werk. Und doch spürt man, dass es ihm um etwas anderes geht – um die Geschichten, die es zu erzählen gilt.

Am Anfang von fast jedem Foto steht ein Gespräch. Wenn die Menschen erfahren, dass er Fotograf ist, bitten sie oft von selbst darum, portraitiert zu werden. „Sie möchten gesehen werden“, erklärt Mechtild Manus, die die Ausstellung „Leben an den Rändern“ kuratiert. Interessant: Das Ergebnis ist für die Portraitierten dann oft gar nicht mehr so wichtig, viele möchten nicht mal einen Blick auf das Display seiner Kamera werfen. Und dass sie in einem anderen Land in einer Ausstellung gezeigt werden, erfahren sie oft auch nicht. Ohnehin weiß Florian Bachmeier nicht, wie es mit denen weitergeht, die für einen kurzen Moment zu Hauptpersonen seiner Bilder werden. So wie Sascha und Lisa, ein junges Paar, das er 2016 in der Nähe der Front im Donbass fotografierte. Schon damals waren beide so verzweifelt, dass sie kaum noch das Haus verließen. Wie es ihnen heute geht, ob sie noch leben und in Sicherheit sind – unklar. Auch, wie lange der Krieg noch weitergeht, weiß niemand. „Ich fürchte, lange“, so Bachmeier, der 2008 einen Magister in Neuer und Neuester Geschichte (M.A.) an der Ludwig-Maximilians-Universität München abschloss.
Ränder mit Anziehungskraft

Die im Ausstellungstitel benannten Ränder sind der Ort, an den es ihn immer wieder treibt, auf zahlreichen Fotoreisen durch Afrika und Europa, aber auch in Deutschland, wo er für eine Obdachlosenzeitung arbeitet oder eine Wirtin dabei begleitet, wie sie eine uralte Kartoffelsorte wieder zurück auf die Teller bringt. 2012 bis 2014 dokumentierte er in Moldawien die dortige Tuberkulose-Epidemie, und als in Deutschland Covid ausbrach, fotografierte er in Krankenhäusern. Wie schützt er sich selbst in Situationen, die gefährlich werden könnten? „Ich überlege nicht lange, sondern gehe nah ran. Denn zu zeigen, was ich sehe, zu dokumentieren, was ist, das ist mein Antrieb und meine Aufgabe.“ Vor allem schütze ihn ein natürlicher Respekt vor Menschen und Situationen, sagt Bachmeier. Das hilft ihm, Risiken einzuschätzen.

Mo bis Fr 9 – 17, Sa/So 11 – 17 Uhr

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